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Es gibt diesen einen Satz. Diesen Satz, den ich gehört habe, und der mein Gehör nicht mehr verlassen will. Neulich, während eines Gespräches mit einem unserer Gäste – einem echt netten Kerl, fragte ich ihn, warum er denn auch gleich so an die Decke gehen würde, wenn etwas nicht ganz in Ordnung ist. In dem speziellen Fall ging es darum, dass ein anderer, zu diesem Zeitpunkt schwer betrunkener Mann, ihm seine Mütze abgenommen hatte. Eigentlich Kinderspielchen – sollte man meinen. Die beiden gingen sich deshalb fast an die Gurgel…

Aber es war seine Antwort, die vieles erklären wollte. Er sagte: „ Hier, auf der Straße darfst du nicht zurückziehen, sonst bist du der Dumme…“

Ich kann diesen Satz nicht mehr vergessen. Ist es wirklich so? Statt sich zu versöhnen und in Frieden miteinander zu leben muss man sein Revier markieren? Möglichst laut bellen? An jede Ecke pinkeln, um zu zeigen, wer man ist? Stimmt das? Muss das sein?
Wieso sollte man sich entschuldigen, wenn man streitet? Wieso nicht der andere? Geht es bei Entschuldigungen wirklich um Macht?
Zuhause haben wir derzeit ein ähnliches Problem. Unser ältester Sohn ist in einer Phase, wo er gelegentlich schlägt. Opfer sind vor allem zwei Personen: sein kleiner Bruder und seine Mama. Der Bruder muss vielleicht in die Schranken gewiesen werden, denn er nimmt ihm seine Mama ja weg. Die Mama hingegen wird vielleicht geschlagen, weil er nicht mehr das Zentrum in ihrem Leben zu sein scheint (ist er ja in Wirklichkeit immer noch). Er kann sich noch nicht richtig mitteilen, also muss er es auf diese Weise zeigen, wenn ihm etwas nicht passt. So ähnlich erging es mir früher auch, wenn ich mal wieder zu betrunken war. Dann, wenn ich von Sinnen war, wandte ich Gewalt an. Mein Sohn wird dafür bestraft, wenn er zuschlägt. Keine Sorge, nicht schlimm, aber er muss das Zimmer verlassen, sich beruhigen und danach soll er sich entschuldigen. Wenn Ich ihn frage, ob es ihm leid tut, dann nickt er. Wenn ich ihn frage, ob er die betroffene Person lieb hat, dann nickt er. Aber wenn ich ihn frage, ob er sich entschuldigt, dann kommt es oft vor, dass er mit dem Kopf schüttelt. Warum? Warum sollte er sich entschuldigen? Sein Bruder (noch ein Stillkind) nimmt ihm doch die Mama weg und die kümmert sich mehr um ihn. Also warum sollte er sich entschuldigen?
Er versteht es noch nicht so ganz. Es tut ihm leid, er will ja gar nicht schlagen, aber er weiß keine andere Methode sich mitzuteilen (ich habe gehört, das sei in dem Alter häufig so), aber die anderen haben ihm doch auch etwas getan! Also wieso ausgerechnet er?

Ist das das gleiche Prinzip? Ist eine Entschuldigung ein eingestehen von Schuld und sagt sie gleichzeitig, dass der Andere im Recht ist? Ja und nein. Ja, man gesteht schuld ein und nein, man gibt dem Anderen nicht automatisch recht. Alles, was man tut, wenn man sich entschuldigt, ist folgendes: man ENT-SCHULDIGT sich. Man versucht, die eigene Schuld wieder abzugeben. Mit dem, was der andere getan hat, hat das nichts zu tun. Aber man kann die eigene Schuld ein Stück weit ablegen. Das ist alles. Vielleicht bewegt man gleichzeitig auch im Anderen noch etwas, aber primär sorgt eine Entschuldigung dafür, dass man seine eigene Schuld bekennt und sie abgibt. So wie wir Jesus um Vergebung bitten dürfen, uns bei ihm entschuldigen können. In der Bibel steht in Römer 12, in den Versen 9-10, 14, 16-21:

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Wir sollen dem Bösen, das uns begegnet mit Gutem antworten, segnen statt zu fluchen. Wenn wir etwas Schlechtem mit Gutem begegnen, dann sammeln wir diese heißen Kohlen auf dem Haupt des Anderen – es beginnt zu glühen und zu brennen. Er muss seinen Standpunkt ob der Hitze der Glut verlassen, so dass Veränderung geschehen kann.

Im Falle meines Sohnes: Oft dauert es eine Weile, bis er sich entschuldigen mag, aber der Trotz und der Zorn, die seinen Weg pflastern hören erst auf, wenn er wieder mit seiner Mama und seinem Bruder vereint ist (Die Mama vergibt ihm übrigens genau so wie der Bruder auch). Kann es sein, dass es auf der Straße eigentlich genau so ist? Oder in deinem Leben?

Wie in diesen Versen beschrieben stelle ich mir eine Gemeinschaft vor. So wünsche ich mir Gemeinde.
Wieso sollte ich…? Kannst du dir vorstellen, dass es dem Anderen genau so geht? Wieso sollte er…? Wir erwarten, dass sich unser gegenüber entschuldigt für das, was er uns getan hat. Erst dann können wir wieder auf ihn zu gehen. Manchmal setzen wir uns selbst in ein Hamsterrad… wir erwarten, was wir selbst nicht bereit sind zu bringen…
Wieso also ich…? Weil ich es mir auch wünsche. Und weil ER es bereits für mich getan hat. Amen.

Ein Kommentar
 
  1. Hanna 10. Oktober 2016 at 18:55 Antworten

    Danke

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